Universal Design for Learning in der Hochschule – Grundlagen, Praxis und Integration von KI

Global Accessibility Awareness Day 2026

Vorstellung

Dr. Björn Fisseler

  • Aktuell
    • FernUniversität in Hagen, Fakultät für Psychologie
    • Spezialist für Bildungstechnologie
  • Forschungs- und Arbeitsthemen
    • Barrierefreiheit und Universal Design
    • Lernende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen
    • Inklusive digitale Bildung
    • Bildungstechnologie und KI
  • Fragen? Gerne per Mail an bjoern.fisseler@fernuni-hagen.de

Porträt Björn Fisseler, ein mittelalter Mann mit grauen Haaren lächtelt in die Kamera, trägt ein Sakko und ein weißes Hemd

Foto: Hardy Welsch

Überblick

  • Warum UDL? Variabilität der Studierenden als Normalfall
  • Universal Design → UDL: Grundidee und Entwicklung
  • UDL-Rahmenkonzept:
  • Barrieren erkennen & abbauen:
  • Praxisbeispiele: konkrete Optionen für Lehrveranstaltungen
  • UDL × KI: KI als Unterstützung

Link zur Präsentation auf Zenodo

Präsentation auf Zenodo

Das Durchschnittsgehirn

MRT-Scan eines Gehirns, Bild zeigt Durchschnitt aller Probanden einer Studie, größte Aktivierung mittig links vorne

MRT-Scan eines Gehirns, Einzelperson 1, größte Aktivierung links vorne außen

MRT-Scan eines Gehirns, Einzelperson 2, größte Aktivierung links vorne mitte

MRT-Scan eines Gehirns, Einzelperson 3, größte Aktivierung rechts vorne

MRT-Scan eines Gehirns, Einzelperson 4, größte Aktivierung rechts vorne

Quelle: Miller, M. B., Van Horn, J. D., Wolford, G. L., Handy, T. C., Valsangkar-Smyth, M., Inati, S., Grafton, S., & Gazzaniga, M. S. (2002). Extensive individual differences in brain activations associated with episodic retrieval are reliable over time. Journal of cognitive neuroscience, 14(8), 1200–1214. https://doi.org/10.1162/089892902760807203

Die Durchschnitts-Studierenden?

Studierende sitzen in einem Raum und schreiben eine Klausur

Warum tun wir so, als würden alle Studierenden gleich lernen?

Variabilität der Studierenden ist die Norm!

Studierende sind verschieden:

  • sie gehen herausfordernde Aufgaben unterschiedlich an
  • sie kommen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Kenntnissen
  • einige arbeiten gerne in Gruppen, andere lieber alleine
  • einige können gut mit Stress umgehen, andere benötigen emotionale Unterstützung
  • manche bevorzugen digitale Inhalte, andere eher gedruckte Materialien

Universal Design for Learning kann dabei helfen, die Variabilität der Studierenden zu berücksichtigen

Design Multiple Means of Engagement, of Representation, of Action and Expression

Auch Studierende mit Behinderung sind verschieden

Barrierefreiheit gehört zum Kern des UDL.

Aber auch eine Behinderung kann ganz verschieden sein.

Symbole für beinamputiert, gehörlos, Person im Rollstuhl und PErson mit Blindenstoc

Eine Behinderung kann sichtbar sein.

Symbol winkende Person

Aber eine Behinderung kann auch unsichtbar sein.

Ein kurzer Abriss des Universal Design

  • Nach dem 2. Weltkrieg
    • Versorgung der Veteranen mit Hilfsmitteln und Assistiven Technologien
    • Ziel: keine Abhängigkeit von Wohlfahrt und Gesundheitsfürsorge, sondern eigenständige Teilhabe an Bildung und Arbeit
  • 1960er Jahre
    • Zunehmende gesetzliche Regelungen und Standardisierung
    • Aufkommen der Behindertenrechtsbewegung; gleiche Rechte für alle
    • Überwindung der Dichotomisierung
  • 1968: Architectural Barriers Act
  • 1973: Section 504 of Rehabilitation Act
  • 1975: Education for Handicapped Children Act, jetzt: Individuals with Disabilities Education Act (IDEA)
  • 1988: Fair Housing Amendments Act
  • 1990: Americans with Disabilities Act
  • 1996: Telecommunications Act
  • 1998: Section 508 of Rehabilitation Act

Universal Design als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen

Herausforderungen von Standards

  • Einschränkungen des Gestaltungsspielraums durch feste Vorgabe
  • Dichotomisierung: Wir - Ihr
  • Keine gesellschaftlichen Veränderungen

Universal Design als Versuch einer Antwort

  • Gestaltungsprinzipien eröffnen Gestaltungsspielräume
  • Inklusion: Menschen mit Behinderung als Teil der Gesellschaft
  • Universal Design als gesellschaftliches Dispositiv
    • Demographische Entwicklung
    • Heterogenität, Diversität
    • Globalisierung

Universal Design als inklusiver Gestaltungsansatz

Gängiges Retrofitting

Hölzerne Rampe an der Rückseite eines älteren Gebäudes

Nachträglich an der Rückseite aufgebaute Rampe

Universal Design

Aufgang mit Rampe und Treppen integriert, gemäß Universal Design, aufgenommen in der Abenddämmerung, zwei Personen nutzen die Treppen
Gebäudeaufgang an der UC Berkeley

Universal Design in der Bildung

  • Universal Instructional Design: Silver et al., 1998
  • Universal Design in Education: Bowe, 2000
  • Universal Design for Learning: Rose, Meyer, 2002
  • Universal Design for Instruction: Scott et al., 2003
  • Universal Course Design: Behling, Hart, 2009
  • Universal Design University: Powell, 2012
  • Universally Designed Higher Education: Burgstahler, 2020

Was ist Universal Design for Learning (UDL)?

We shifted our emphasis to address the disabilities of schools rather than students and coined a name for this approach: Universal Design for Learning, or UDL. (Meyer et al., 2014)

UDL ist ein Rahmenkonzept zur Verbesserung von Lehr-Lernangeboten. Lernende bringen unterschiedliche Voraussetzungen hinsichtlich Vorwissen . Mit den UDL-Prinzipien ist es möglich, auf diese Variabilität zu reagieren.

  • Gestaltung von Lernangeboten mit flexiblen Optionen für unterschiedlichste Bedarfe von Lernenden
  • Nicht das Individuum soll verändert werden, sondern die Lernangebote - soziale Modell von Behinderung
  • Greift zurück auf Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Lehr-Lernforschung
  • Nutzung digitalen Technologien und barrierefreier Materialien

Ziel des UDL die die Gestaltung von Lernangebote, mit denen alle Lernenden zu fachkundigen Lernenden (expert learners) werden können!

Das UDL-Rahmenkonzept

Ziel: Handlungsfähigkeit der Lernenden (learner agency)

  • Fachkundige Lernende wissen, was, warum und wie sie lernen
  • UDL liefert Anregungen zur Gestaltung von flexiblen und effektiven Lernangeboten, die
    • Lernende inspirieren und motivieren (was/what)
    • vielfältige Perspektiven bieten, Sinn stifen und helfen, das eigene Lernen zu gestalten (warum/why)
    • Möglichkeiten zur Zielsetzung bieten und helfen, Lernfortschritte zu überprüfen (wie/how)

Wichtig

UDL ist nicht präskriptiv, es ist keine Checkliste oder Formel mit festen Methoden und Werkzeugen.

(Quelle: Meyer et al., 2024)

UDL verändert sich

  • Veränderungen in der Theorie und Praxis von UDL
    • Offenere Formulierung von Lernzielen: bspw. “Erschaffe eine Erzählung” statt “Schreibe eine Geschichte”
    • Orientierung an der Variabilität von Lernenden statt an den Unterschieden einzelner Lernenden
    • Individum-Umwelt-Interaktionen statt individueller Interaktionen
  • Veränderung der Umgebung von UDL
    • Starke Einbindung in Bundesgesetze in den USA: Higher Education Opportunity Act (HEOA), National Education Technology Plan
    • Stärkere Verbreitung der Idee des UDL über das Internet und weltweite Netzwerke
  • Veränderung von Medien
    • Weniger Print, mehr digitale Materialien

UDL-Prinzipien im Überblick

Das UDL-Rahmenkonzept setzt sich zusammen aus drei Prinzipien, neun Richtlinien und detaillierten Empfehlungen. Es ist aber keine Checkliste.

Tabellarische Darstellung der Prinzipien des Universal Design for Learning

(Quelle: CAST, 2024)

Organisation der UDL-Prinzipien

UDL-Prinzipien Ebene Access

UDL-Prinzipien Ebene Support

UDL-Prinzipien Ebene Executive

Die UDL-Prinzipien organisieren sich auch vertikal in drei Ebenen:

  • Access: Zugang zu den Lernangeboten und Lernzielen verbessern
  • Support: Angebote zur Unterstützung des Lernprozesses
  • Executive: Exekutive Funktionen der Lernenden unterstützen

UDL-Kernkomponenten zur Gestaltung von Lernumgebungen

  • Ziele: klare und transparente Ziele formulieren, die auf verschiedenen Wegen erreicht werden können
  • Lernstandskontrollen: flexible Überprüfung des Lernerfolgs, auf die Lernziele ausgerichtet, mit flexiblen Optionen
  • Lernmaterialien: flexible und barrierefreie Lernmaterialien, auswählbar durch die Lernenden, ausgerichtet auf die Lernziele
  • Lehr-Lernmethoden: flexiblel und vielfältig, lernzielorientierte Methoden, welche die SuS informiert auswählen können
  • Lernumgebung: physischer und/oder virtueller Raum, der flexibel nutzbar ist und idealerweise von dehn Lernenden mitgestaltet wird

(Meyer et al., 2024, Kapitel 5)

Welche Barrieren erleben Studierende im Lernprozess?

Frage: Was sind Ihrer Erfahrung nach Barrieren, die Studierende im Lernprozess erleben?

Studierende

  • verfügen nicht über genügende Vorkenntnisse oder die erforderlichen Kompetenzen für eine Veranstaltung
  • wissen nicht, was die nächsten Schritte im Lernprozess sind oder bekommen keine Rückmeldung zu ihrem Lernfortschritt
  • kennen Fachbegriffe oder zentrale Konzepte nicht, was die Auseinandersetzung mit Fachartikeln erschwert
  • müssen sozial-emotionale Unsicherheiten bewältigen
  • haben das Gefühl, dass bestimmte Themen für sie nicht kulturell relevant oder akademisch uninteressant sind

Wie kann ich Barrieren in meinen Lehrangeboten erkennen und abbauen?

  1. Lernziel klären
    • Manche Veranstaltungen oder einzelne Einheiten haben keine klaren, andere haben zu viele Lernziele
    • Daher zunächst primäre Lernziele identifizieren: welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen sie erwerben, welche motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften zeigen?
  1. Auf welchen Wegen können die Studierenden das Lernziel erreichen? Werden ihnen verschiedene Wege angeboten?
    • Welche Barriere könnte es geben, welche die Studierenden an der Zielerreichung hindert?
    • Welches eine Werkzeug, Ressource oder Strategie kann ich anbieten, um diese Barrieren abzubauen?
    • Wie kann ich diese Strategie allen Studierenden von Anfang der LErneinheit an bereitstellen?
  1. Andere Möglichkeiten, Barrieren abzubauen, sind:
    • Überlegen, was ggf. wiederholt gelehrt oder vermittelt werden sollte.
    • Studierende um Feedback bitten.
    • Proaktiv Barrieren identifizieren und beseitigen.

Ideen, um UDL in der Hochschule umsetzen

  1. Verschiedene Beteiligungsformen anbieten
    • Autonomie: Wahl zwischen Themen/Fragestellungen
    • Relevanz: Transferaufgabe (eigener Arbeitsplatz / gesellschaftlicher Bezug)
    • Selbstregulation: Lernplan-Vorlagen, Peer-Feedback, „Fehlerkultur“-Elemente
  1. Verschiedene Darstellungsformen anbieten
    • Inhalte barierefrei und/oder in mindestens zwei Formaten: Text + Audio/Video mit Untertiteln, strukturierte Folien, barrierefreie PDFs
    • Signposting: Lernziele transparent machen, Zusammenfassungen anbieten, Schlüsselbetriffe herausarbeiten, Glossar erstellen
    • Vorwissen aktivieren: Mini-Quiz, Advance Organizer
  1. Verschiedene Formen von Handlung und Ausdruck anbieten
    • Wahl im Leistungsnachweis innerhalb klarer Kriterien: z.B. Essay oder Poster oder mündliches Kolloquium
    • Scaffolding: Musterlösungen, Checklisten, Zwischenschritte, formative Selbsttests
    • Transparente Bewertung: Rubric + Beispielarbeiten („Was ist eine 1,0?“)

UDL ist ein Prozess

  • Reflect: Womit haben die SuS Schwierigkeiten?
  • Identify: Welches Prinzip des UDL kann ich nutzen, um die SuS zu unterstützen?
  • Investigate: Wie kann ich diese Prinzip mit Leben füllen?
  • Teach: Wie passt das Prinzip in mein Veranstaltungskonzept?
  • Re-Assess: Auf welche Weise konnten die SuS Wissen oder Fähigkeiten demonstrieren?
  • Reflect: Inwiefern hat das Prinzip den Lernerfolg der SuS verbessert?

Visualisierung eines sich wiederholenden Prozesses, von oben mittig im Uhrzeigersinn, Reflect, Identify, Investigate, Teach, Re-Assess

Quelle: Nelson (2014)

UDL und Künstliche Intelligenz (KI)

  • AI bzw. KI
    • das “A” steht nicht für “artifical”, sondern für “access/assist”
    • entsprechend stünde “K” beispielsweise für “kollegial”
  • KI als assistive Technologie
    • Sprachassistenten wie Siri oder Alexa
    • Spracherkennungssoftware, Sprachsteuerung
    • Sprachausgabe, Vorlesesoftware
    • Annotationssoftware, Notiz-Software, Personal-Knowledge-Management
    • Untertitelung, Transkription
    • Zusammenfassungen
  • Curb-Cut Effekt von KI
    • abgesenkte Bordsteine (“curb-cuts”) waren gedacht für Rollstuhlnutzende, helfen aber auch Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit Rollkoffern
    • KI-gestützte Zusammenfassungen helfen nicht nur Studierenden mit ADHS, sondern allen, die viele und lange Texte lesen müssen

SPARC-Prompting und UDL

KI ersetzt nicht die Lehrenden, aber Lehrende nutzen KI, um Barrieren im Lernprozess abzubauen.

Die SPARC-Promptingstrategie hilft dabei.

  • Situation: Barriere im Lernprozess identifizieren
  • Parameter: Vorgaben zum Format, Anforderungsniveau und Barrierefreiheit/WCAG
  • Aktion: Scaffold und Unterstützung
  • Rolle: Expertenpersona angeben
  • Check: der Mensch überprüft die KI-Lösung

Beispiel: agentische KI unterstützt beim Lernprozess, einem mehrwöchigen Forschungsprojekt

  • Situation: Studentin oder Student mit ADHS, hohe verbale Fähigkeiten, aber auch hohe “Zeitblindheit”
  • Parameter: 20-minütige “Mikro-Aufgaben”, formuliert in einem ermutigenden Tonfall
  • Aktion: Bewertungskriterien analysieren, Student oder Studentin interviewen, Zeitplan erstellen, zwei tägliche Check-ins
  • Rolle: Coach für exekutive Funktionen, UDL-Expertin
  • Check: Entwurf des Zeitplans zunächst an Lehrperson schicken zur Überprüfung

Sichtweise von UDL auf KI

Generative KI

  • Inhaltsersteller
  • Rolle: reaktiver Partner
  • Aktion: erstellt neuen Inhalt
  • Einschränkung: ist “zustandslos”
  • Ist der kreative Kunsthandwerker: erstellt eine Zusammenfassung, generiert ein Bild

Agentische KI

  • Autonomer Koordinatorin
  • Rolle: proaktive Assistenz
  • Aktion: erreicht Ziele durch Planung, Einsatz von Werkzeugen und Treffen von Entscheidungen
  • Kollegin: schreibt nicht nur, sondern handelt auch

Zusammenfassung

  • Variabilität ist die Norm
    Nicht „die Studierenden“ ist das Problem, sondern Barrieren in Lernangeboten.

  • UDL ist proaktives Design
    Mehrere Wege für Engagement, Repräsentation sowie Handlung & Ausdruck – von Beginn an.

  • KI als Hebel für UDL
    KI kann Barrieren senken (z. B. Strukturierung, Feedback, Alternativformate) – mit menschlichem Check.

Literatur

CAST. (2024). CAST Universal Design for Learning Guidelines version 3.0. https://udlguidelines.cast.org
Meyer, A., Rose, D. H., & Gordon, D. (2014). Universal design for learning: theory and practice. CAST Professional Publishing, an imprint of CAST, Inc.
Meyer, A., Rose, D. H., & Gordon, D. T. (2024). Universal Design for Learning: Principles, Framework, and Practice: Third Edition. CAST Professional Publishing.
Nelson, L. L. (2014). Design and deliver: planning and teaching using universal design for learning. Brookes Publishing Co.